• Marcus Disselkamp

Plattform-Wirtschaft made in Germany

Aktualisiert: 8. März 2019



Deutschland verschläft die Plattformökonomie! So oder ähnlich heißt es seit langem in Presse und Politik. Deutschen Unternehmen gilt der Aufruf, verstärkt eigene Plattformen wie Amazon und Co. zu etablieren. Aber ist das wirklich so?

Gerne wird zudem berichtet, dass viele Top Manager gar nicht wüssten, was überhaupt Plattformen seien. Doch das können wir so nicht stehen lassen. Auch wenn natürlich die immer zitierten Beispiele für Plattformen, wie Amazon, Google, AirBnB oder YouTube aus den USA bzw. mit WeChat und Alibaba aus China kommen, so spielen einige deutsche Plattformen schon heute eine ebenso zentrale Rolle in unserem (nationalen oder europäischen) Privat- bzw. Geschäftsleben.

Heute geht nichts mehr ohne Plattform

Doch lassen Sie uns kurz rekapitulieren, warum selbst die Politik so intensiv über den Effekt der Plattformökonomie diskutiert. Plattformen sind zuerst einmal eine (mehr oder wenige offene) physische bzw. virtuelle Infrastruktur, auf welcher Anbieter und Anwender zusammentreffen und dank Interaktionen Nutzen (Wertschöpfung) ziehen können. Somit war schon der mittelalterliche Marktplatz eine Plattform, so wie heute Online Marktplätze wie Amazon, auf welchem viele unterschiedlichen Lieferanten (und eben nicht mehr nur Amazon selbst) ihre Waren an unterschiedliche Kunden verkaufen können. Man spricht gar von einem multiplen Seiten-Effekt, bei welchem sowohl Kunden auch Anbieter bzw. Lieferanten auch Kunden sein können. Das Schaubild bezeichnet daher alle Geschäftspartner einer Plattform als Kunden, die entweder die Rollen eines Lieferanten, Nutzer, Käufers oder Dienstleisters übernehmen können. Jeder dieser Kundengruppen können individuelle Mehrwerte aus der Teilnahme an einer Plattform angeboten werden, und die gar mit individuellen Preisen und Vergütungsmechaniken.

Anders die traditionellen, einseitigen Wertschöpfungsketten. In diesen als Pipelines bezeichneten Abläufen gibt es zuerst einmal immer eine eindeutige Rolle: entweder ist man Lieferant, Händler oder Kunde. Zweitens gibt es vor dem eigentlichen Käufer stets einen Vor-Entscheider (z.B. Einkäufer) als sog. Gatekeeper, der befindet, welche Leistungen nun Schritt für Schritt vom Lieferanten über den einen Händler den Kunden angeboten werden.

Plattformen profitieren von vier Effekten

Internet-basierte Plattformen profitieren überproportional von vier Effekten: Erstens entstehen angebotsseitige Skaleneffekte, bei denen sich durch Verteilung der Kosten auf immer mehr Nutzer die einzelnen Kosten pro Kaufeinheit reduzieren. Zweitens wächst der Nutzen eines Angebots mit der Anzahl weiterer Konsumenten der gleichen Lösung (also dem sogenannten Netzwerkeffekt). Oder mit anderen Worten: wenn immer mehr aktive Nutzer auf einer Hotel- und Restaurant Bewertungsplattform wie TripAdvisor sind, desto mehr profitieren die Nutzer von den vielen Informationen, die sie selbst als Lieferanten dem Portal zufügen. Drittens generieren Plattformen Unmengen von Daten aus den eigenen aber auch externen Transaktionen, deren Analyse und Nutzung erneute Werte schaffen. Und viertens können sich die eigenen Unternehmensbereiche der Plattformen ganz auf den Markt konzentrieren, auch da sie selbst kaum eigene Vermögensgegenstände (wie z.B. Hotelzimmer, Verkaufs-oder Lagerflächen) benötigen, welche ansonsten Kapazitäten und Ressourcen binden. Nun also zu einer subjektiv ausgewählten Übersicht von deutschen Beispielen erfolgreicher Plattformen: Die Vertriebe von Versicherungen oder Energieerzeugern kommen in Deutschland kaum noch an dem Münchner Unternehmen "Check 24" vorbei. Vielmehr arbeiten einige von ihnen immer exklusiver mit dem 1999 gegründeten Vergleichsportal für die Bereiche Versicherungen, Finanzen, Energie, Telekommunikation, Reisen sowie Shopping. Das führt umgekehrt zu dramatischen Veränderungen bei dem existierenden Außendienst vieler Finanz- oder Energieanbieter. Heute erfolgt bereits ein jährliches Vermittlungsvolumen von ca. 20 Mrd. Euro mit einem Marktanteil von über 40% im Bereich Strom- und Gas-Vergleich (2016). Bekannt wurde das Unternehmen vor allem durch sein aggressives TV-Marketing, dank einem Werbebudget von über 170 Mio. Euro in 2016. Aus München kommt auch die 1998 gegründete Unternehmensgruppe Scout24 mit gleich mehreren Online-Marktplätzen für unterschiedliche Branchen (wie Immobilienscout und Autoscout). Das Unternehmen erwirtschaftete in 2017 mit über 1.200 Mitarbeitern in über 18 Ländern und über 17,5 Mio. Anwendern einen Umsatz von ca. 480 Mio. Euro. Wer sucht heute noch in der Tageszeitung nach Wohnungen oder einen gebrauchten Wagen? Die Scout24 Gruppe war in vielen Bereichen die disruptive Substitution für die klassischen Tageszeitungen. Die Gruppe ist im Juni 2018 in den MDAX der Deutschen Börse aufgestiegen und gehört somit zu den 50 größten Aktiengesellschaften unterhalb des wichtigsten deutschen Aktienindex DAX. Dem DAX zugehörend - und erneut aus dem Umkreis von München - ist seit September 2018 die Firma Wirecard, und hat damit die Commerzbank aus dem DAX verdrängt. Neben einigen Finanz-Dienstleistungen nach dem oben genannten Pipeline Prinzip, bietet die Unternehmensgruppe über ihre Wirecard-Plattform das Outsourcing sämtlicher Finanzprozesse, von der Abwicklung elektronischer Zahlungen über die Transaktions- und Kundenprüfung bis zu Support-Leistungen an. Das im Jahr 1999 gegründete Unternehmen hatte im August 2018 einen Börsenwert von über 21 Mrd. Euro. Im letzten Jahr erwirtschaftete es mit seinen fast 5.000 Mitarbeitern einen Umsatz von ca. 1,5 Mrd. Euro. Und neben dem Eintritt in den DAX weist Wirecard noch eine zweite Besonderheit auf: hier geht es nicht mehr nur um Plattformen im b2c Business, sondern gar um Lösungen für das b2b Business. Gerade hier erwarten wir für die kommenden Jahre noch viele weitere interessante Plattformangebote aus Deutschland. Schon heute spielen die Mindsphere Plattform von Siemens (seit Mitte 2018 auf der Azure Spehre Plattform von Microsoft verfügbar) sowie SAP's Leonardo Cloud Plattform eine immer größere Rolle für den direkten Datenaustausch zwischen Maschinen im Sinne des Internet of Things (IoT) bzw. der Industrie 4.0. Zurück zum b2c Geschäft: In Berlin finden sich Plattformen wie Lieferando.de (nun zugehörig zur Unternehmensgruppe von Takeaway.com), die Direktbank N26 (mit über 500.000 Kunden in 17 Ländern) oder das Job-Vermittlungsportal Stepstone.de (zugehörig zur Axel Springer Gruppe). Mit Zalando.de hat Berlin zudem einen der erfolgreichsten, allerdings Pipeline-orientierten Online-Shops für Mode und Schuhe. Die über 14.000 Mitarbeiter erwirtschaften mit dem erst in 2008 gegründeten Unternehmen einen Umsatz von ca. 4,5 Mrd. Euro bei ca. 100 Mio. Euro Gewinn. Aus Berlin stammte zudem die in 2016 von dem Startup Slack.it initiierte und auf der kryptischen Währung Ethereum basierende, spannende Crowd Funding und Investment-Plattform "The DAO", welche allerdings wegen Sicherheitsproblemen wieder geschlossen wurde. In Hamburg ansässig sind die Partnervermittlungsplattform Parship.de sowie die vorwiegend Pipeline-orientierten eCommerce Aktivitäten der Otto Unternehmensgruppe mit ihren über 100 Onlineships, wie myToys, Otto, AboutYou, BonPrix und der Shopping24-Gruppe. Sie alle erwirtschaften zusammen einen eCommerce Umsatz von ca. 7 Mrd. Euro. Aus Stuttgart kommt ferner die Verleihplattform LeihDirWas.de und aus Frankfurt der KI-basierte Versicherungsmaklerplattform Clark.de.

Fazit: Deutschland hat starke Plattformen

Fassen wir also zusammen: Je nach Branche dominieren noch US-Plattformen, wie in den Sozialen Medien Facebook und seinen Töchtern WhatsApp und Instagram oder Microsoft's LinkedIn. In anderen Bereichen, wie Preisvergleichen, Lieferdienst oder Kleinanzeigen, spielen deutsche Plattformen national bis international eine immer größere Rolle. Spannend wird es nun vor allem sein, in wie weit sich Siemens und SAP als b2b Plattformen im Umfeld der Vernetzung von Maschinen (IoT bzw. Industrie 4.0) etablieren werden, einer Welt, die der deutschen Industrie besonders liegen sollte.

Dieser Blogbeitrag erschien auch in diesen Medien:


https://www.focus.de/finanzen/experten/plattform-oekonomie-in-vielen-bereichen-ist-deutschland-stark_id_9998719.html

https://www.ptmagazin.de/de/specials/dienstleistungen/ja-wir-haben-eigene-plattformen--in-deutschland_jp0v4tp5.html?&highlight=1&keys=plattform&lang=1




#Netzwerkökonomie #Plattform #Megatrends #DigitaleTransformation

© 09/2020

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